Merkwürdig, wie viele Top-Manager von einem auf den anderen Tag als böse Untiere in der Presse da stehen.Zugegeben, es ist nicht irgendein Tag, von dem da die Rede ist. Nein, es ist der Tag, an dem sie ihren Hut nehmen müssen. Ihr letzter in dieser Firma… Warum auch immer sie abtreten müssen. Womöglich wegen schlechter Zahlen. Jedenfalls selten wegen schlechten Benehmens, unangenehmem Führungsverhalten oder ähnlichem unchristlichen Betragens. Genau das wirft man ihnen dann aber ganz plötzlich und öffentlichkeitswirksam vor. Merkwürdig ist vor allem wie lange diese Unarten vorher keinem aufgefallen sind. Oder sich keiner getraut hat, sie vorher zu benennen. Kann es sein, dass sich ganze Organisationen offensichtlich über Jahre von den Launen einzelner schikanieren lassen, schweigend, um dann erst anzuprangern, wenn sie im Sicheren sind. Weil der Gefeuerte ohnehin keine Lobby mehr hat. Stan O’Neal zählt offenbar auch zu ihnen. Der Ex-Merryll-Lynch-Chef soll nicht sonderlich beliebt gewesen sein, heisst es bei dpa und afp. Und weiter:„Die Mitarbeiter haben O’Neal als autoritären Einzelgänger kennengelernt, der nicht auf Ratschläge hörte und seine Untergebenen terrorisierte – vor allem, wenn der große Rivale Goldman Sachs bessere Quartalsergebnisse verkündete als Merrill Lynch. Gegen Konkurrenten ging er rücksichtslos vor: Kaum hatte er seinen Chefposten übernommen, feuerte er gleich eine Reihe von Top-Managern.“ Starker Tobak. Und jeder Leser denkt, richtig, der Mann musste einfach weg. Doch fragwürdig bleibt: Wieso kann so ein Mann überhaupt so hoch kommen? Unbemerkt kann so rücksichtsloses Verhalten nicht geblieben sein – und dann noch über Jahre und in den verschiedenen Hierarchiestufen. Da liegt der eigentliche Skandal. Dass dieselben, die heute mit dem Finger auf ihn zeigen, denselben Mann mit den firmenintern längst bekannten Charaktermängeln jahrelang gedeckt haben. Und sich erst dann entrüsten, wenn es zu den miesen Zahlen oder irgendwelchen Managementfehlern anderer Art passt.