Bleibe-Prämie? Treue-Prämie? Versöhnungs-Prämie? Schmerzensgeld? So ganz lässt sich nicht einordnen, was sie sein soll – die Zahlung von Lidl an seine bespitzelten Mitarbeiter. Jetzt, nachdem die heimliche Überwachung per Kameras aufgeflogen ist und mehrere andere Läden wie Schlecker oder die Kaffeekette Balzac gleich mit.
Die Lidl-Version für das üppige Trinkgeld lautet so: Man wolle sich erkenntlich zeigen für die Treue seiner Leute in der Krise. Die Krise, an der Lidl selbst schuld ist. Und die Treue, die sicher weniger aus Loyalität denn mangels schneller Alternative erwiesen wird.
http://www.welt.de/wirtschaft/article1922633/.html?print=yes
Das Ende vom Lied: Wer ganztags arbeitet bekommt nun 300 Euro, Teilzeitkräfte entsprechend weniger. Das Ziel: Die Kunden sollen es registrieren und denken: „Alles klar. Der Laden ist fair zu seinen Leuten. Hier kauf ich wieder.“
Der einzige Denkfehler: Fair wäre es gewesen, wenn Lidl freiwillig das Bespitzeln gelassen und seine Leute direkt ein Versöhnungsgeschenkt gemacht hätte. Hat der Discounter aber nicht. Die Prämie ist Teil der PR-Strategie, die den Schaden begrenzen und die Konsumenten bei der Stange halten soll. Nach dem Motto: Geld heilt alle Wunden.
Und der Rest? Dass Lidl vom Saulus zum Paulus wurde, dafür soll ja schon der oberste Ex-Datenschützer Joachim Jacob stehen, der neuerdings auf Lidls Payrole ist. Natürlich nur, um Lidl auf den rechten Pfad der Datenschutz-Tugend zu helfen. Sicher.
Zumindest ist die neue PR-Strategie nicht schlecht. Auch wenn es vermutlich billiger gewesen wäre, sich von vornherein und auch schon in guten Zeiten an den Rat kluger PR-Profis zu halten – und gar nicht erst den folgenschweren Gau zu provozieren. Wie heißt es schon bei der Zahnpflege: Vorsorge ist besser als bohren?
Die Imagekampagne scheint die Botschaft transportieren zu wollen, man habe ja vorher garnicht gewußt, dass die Überwachung illegal und unmoralisch sei. So seltsam es klingt, Unwissen in Sachen Recht ist in diesen Grauzonen weit verbreitet (ich kämpfe seit vielen Jahren beruflich dagegen an) – da hilft nur vorher einen fragen, der sich auskennt.
Gegen die Arroganz des „wer soll das den je merken“ hilft eine Abwandlung von Murphy’s Law: jeder wird irgendwann erwischt (und wenn er so plumpfüßig vorgeht, dann meisten früher).
Viel mehr Schaden ist aber meiner Meinung nach entstanden durch die klare Dokumentation, wie diese Arbeitgeber zu ihren Mitarbeitern stehen. Die Einzelhandelsketten kommen nicht aus den Schlagzeilen, im Gegenteil. Von Pflicht-Hurras über Date-Verbot mit Kollegen arbeiten sich einige dieser Unternehmen systematisch nach oben: von bedenklich über grenzwertig hin zu illegal.
Es wird Zeit, dass sich die betreffenden Unternehmen dazu grundlege Gedanken machen. Ob Lidl dies getan hat, halte mich im Moment noch für zweifelhaft. Die Zeit wird es zeigen.
Ob diese PR-Strategie gut oder schlecht ist, diskutieren wir gerade in meinem Blog unter https://www.mediacoffee.de/uwemommert/item/475. Ich glaube nicht, dass solche „Feigenblatt-Aktionen“ die richtige Strategie sind. Die Lidl-Aktion mit dem Greenpeace Magazin ging ja auch nach hinten los.
Same procedure: Immer dann, wenn neue Anschuldigungen publik werden, treten Geschäftsführer mit Leichenbitter-Miene vor die Kamera und beteuern, von allem nichts gewusst zu haben.
Dann wird bestürzt gespielte oder echte Überraschung vor Kameras und Mikrofonen demonstriert. Ist die Überraschung echt, dann fragt man sich schon, wieweit ein Unternehmensleiter sich von der Basis, dort wo das Geld verdient wird, entfernt hat.
Ist die Überraschung allerdings gespielt, dann spürt jeder im Publikum, wie die Unglaubwürdigkeit aus jedem Knopfloch des Redners hervorquillt. Das Vertrauen der Mitarbeiter und der Kunden wieder zu gewinnen, das kann dauern, falls es je wieder gelingt.
„Unsere Mitarbeiter werden bei uns wertgeschätzt“ oder „Unsere Mitarbeiter sind unser höchstes Gut“ – solche Sätze erweisen sich dann als Sinn entleerte Worthülsen.
Nicht fehlen darf der Standardspruch, der pflichtgemäß abgesondert wird: „Der Mensch steht bei uns im Mittelpunkt“.
Aber das war bereits das Motto der Kannibalen.