Früher waren es Lichterketten. Da gingen all diejenigen hin, die eine Art Betroffenheits-Event feierten. Es war schick. Sonntagsabends reihte man sich ein mit einer Kerze in der Hand und demonstrierte – Betroffenheit. Gegen einen Krieg etwa, was aber im Ausland keinen interessierte, geschweige denn die Krieg-führenden. Wenn, dann zogen sie nur erstaunt die Augenbrauen hoch.
Sicher waren die Demonstierenden von besten Vorsätzen beseelt, aber eben meist leider nur Vorsätzen. Im Klartext: Bei vielen, wohl den meisten, bleibt es bei Vorsätzen, Demonstrieren und Mitgefühl, leider. Denn was auf der Strecke bleibt, ist tatkräftige Hilfe und Unterstützung.
So wie jetzt bei den Trauerfeiern für den Torwart Robert Enke, der sich wegen Depressionen das Leben genommen hat. Dass nur wenige aus seiner Umgebung anscheinend von seiner Krankheit wußten, sagt schon eine Menge.
Ich frage mich aber eins: Kümmern sich dieselben Menschen, die da zur Trauerfeier von jemanden gehen, den sie persönlich nicht gekannt haben, auch nur ein Fitzelchen so anteilnehmend um Menschen in ihrer eigenen Umgebung, die psychisch in einer Notlage sind? Es kann kaum sein, dass es nur die Fußballfans sind, die um den Verlust ihres Torwarts trauern. Es scheinen viele auch allgemein ergriffen zu sein von dem Schicksal Robert Enkes – und damit auch seiner Familie. Denn gerade die Familienvon psychisch Kranken haben es ebenfalls sehr schwer – gesehen wird das nur selten. Doch bei der allgemeinen Ergriffenheit bleibt es.
Dabei: Die Zahl psychisch Kranker steigt. Nach Ansicht von Betriebsmedizinern wie Professor Bernhard Badura von der Uni Bielefeld wird sie bald das größte Problem der Unternehmen in diesem Zusammenhang sein. Nehmen Sie mal die stetig steigende Zahl derjenigen, die an ihrem Job leiden oder gar gemobbt werden. Ob diejenigen dieselbe Aufmerksamkeit erfahren? Oder gar Hilfen – welcher Art auch immer. Die müssen nicht großartig sein, aber am besten viele.
Ich fürchte nicht, wenn man sieht, wie die Kälte im Berufsleben regiert. Seit jeder im täglichen Kampf als Hauptziel vor Augen hat, den eigenen Job zu verteidigen und nicht vom Arbeits-Karussel zu fliegen. Was man gerade bestenfalls von den Kollegen – früher hatte dieser Begriff übrigens noch einen Wert, den er heute nicht mehr hat – erwarten kann, ist Neutralität. Das ist manchmal leider schon viel: Dass sich einige wenige eben nicht der Meute anschließen, die einen einzelnen Kollegen kalt stellen, auflaufen lassen und aus dem Rudel zu beissen versuchen. Dass manche wenige ihm zumindest keine Steine in den Weg werfen oder ihm gar heimlich ein wenig helfen. Sich öffentlich vor einen Kollegen stellen und ihn verteidigen, das dürfte wohl absoluten Seltenheitswert haben. Soviel Courage hat kaum einer, der selbst Angst hat, der nächste zu sein.
Enke war kein Gemobbter, was man hört, aber ein Kranker.
Doch ausgerechnet der Regisseur und Aktionskünstler Christoph Schlingensief, der den Ruf eines Enfant terrible hatte, offenbarte kürzlich, wie sehr er unten den Arbeitsbedingungen bei dem Wagner-Clan 2004 bei der Regiearbeit in Bayreuth gelitten hatte – und er meint, dass er sich dabei seine Krebserkrankung eingehandelt hat: „Da habe ich mir meinen Krebs geholt.“ Als Beispiel führt er nicht nur Kamera-Überwachungen und ständig belehrende Briefe an, sondern besonders einen Brief: In dem ihm vorgworfen wurde, dass er gelacht habe – und ergo seinen Job nicht ernst nähme.
http://www.fr-online.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/feuilleton/?em_cnt=1995243&
Welch grandiose Fehlinterpretation, die übrigens in Deutschland sehr verbreitet ist. Die Devise im hiesigen Arbeitsalltag heißt: Wenn der Chef guckt, bitte ein tiefernstes Gesicht machen, sonst ist man nicht mehr beförderungsfähig. Franzosen, die mit Deutschen zusammen arbeiten, können davon ein Liedchen singen- und das ist kein begeistertes.
http://www.welt.de/sport/fussball/article5224524/Es-war-falsch-Enke-wie-einen-Koenig-aufzubahren.html
Ich habe das versucht: danach hatte ich den Ruf weg, ein Biest zu sein. Die Karriereleiter war dann fix beendet. Im neuen Job bin ich, wie ich bin: freundlich und offen. Damit habe ich auch Erfolg. Deswegen mein Rat: Authenzität!!!