Miss Moneypennys Rache

Wie ein rohes Ei und besonders respektvoll behandelt der deutsche Chef vor allem einen: Weder seinen besten Mitarbeiter noch seinen Vorgesetzten. Nein, es ist seine Sekretärin. Und nicht nur er, auch die meisten belgischen, französischen, britischen und tschechischen Chefs machen das so. Klugerweise. Unter die 70-Prozent-Marke rutschte bei einer Untersuchung der Personal Assistents von der Zeitarbeitsvermittlung OfficeTeam Interim keins der genannten Länder – frei nach dem Motto: „Rauchen ist gesund“, gezeichnet Dr.Marlboro. Bedrohlich nahe kommen ihr nur die Briten, die ihre Miss Moneypennys mit rund 72 Prozent offenbar am geringsten wertschätzen. http://www.officeteamuk.com/Site/showpage.jsp?s=OFT_GER&p=PRESS_DETAIL&prid=600Soviel Respekt gibt es nur aus einem guten Grund. Wer soll im gefährlichen Unternehmensalltag denn sonst noch zu ihm halten? Die Kollegen auf derselben Hierarchieebene wohl kaum. Die eigenen Mitarbeiter sind auch immer illoyaler. Jedenfalls seit ihnen so überdeutlich klar gemacht wird, wie entbehrlich sie sind und dass sie täglich von Kündigung bedroht sind. Und die eigenen Vorgesetzten müssen selbst zusehen, wie sie ihre Haut im täglichen Büro-Nahkampf retten. Verdammt einsam also so ein Chef. Wer nun in dieser Lage auch noch seine Sekretärin vergrätzt, ist endgültig geliefert: Hier eine verlorene Notiz, da ein nicht ausgerichteter, wichtiger Anruf, dort eine – natürlich versehentlich – offensichtlich falsche Auskunft gegenüber der Gattin wegen irgendeiner Dienstreise und schon kommt der Chef in Teufels Küche. Die vielen kleinen Gelegenheiten lassen sich kaum aufzählen, der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Schwupps ist jemand auf cc: gesetzt, der von dieser Mail eigentlich nichts wissen sollte – und der die Informantin auch nicht verpetzen wird. Der Chef liebt den Platz im Flieger am Gang? Das muss man dem Reisebüro ja nicht verraten. Ebenso wenig, wenn er ein Nichtraucherzimmer will. Ruckzuck wird der Anrufer namens Superwichtig abgewimmelt, vertröstet oder ganz aus Versehen abgehängt – genau wissend dass der Chef eben diesen Anruf heiß ersehnt. Doch der sitzt ja hinter seiner dicken Tür und bekommt es nicht mal mit.
Tagtäglich gibt es Dutzende von Gelegenheiten, in denen eine Assistentin oder Sekretärin – meist sind es ja immer noch Damen – ihren Vorgesetzten ins offene Messer laufen lassen kann. Oder eben nicht. Und das weiß sogar die Gattin und sucht auf der Urlaubsreise selbst nach einem netten Sofakissen als Souvenir für sie. Denn auch sie braucht die Vorzimmerlady als Verbündete. Es gab schon treue Sekretärinnen, die aus Solidarität zur Gattin ihren Chef verließen, als er zu Hause auszog, um zu seiner Geliebten zu ziehen.
Und wer seine Sekretärin mal in ihrer Rauchpause oder in der Kaffeeküche belauschen könnte, würde sich wundern. Da lässt sie nämlich auch mal Dampf ab. Da erzählt sie kleine Peinlichkeiten vom Chef – und umso eher, wenn der sie vorher unfair oder despektierlich behandelt hat. Denn mangelnde Fairness würden 73 Prozent der deutschen Assistentinnen verübeln. Und je ungerechter oder erniedrigender, desto ausführlicher wird auch das noch berichtet. Echt unterhaltsam.