Kennen Sie das: Ihr Handy kann ganz viel, sie wissen nur nichts davon. Vermutlich werden Sie es eines Tages entsorgen und haben höchsten 20 Prozent seiner Möglichkeiten genutzt. Dabei hätte es so schön sein können… Doch Nokia scheint plötzlich Kundenorientierung ganz oben auf der Agenda stehen zu haben. Ein Silberstreif am Horizont? Jedenfalls eine klasse Innovation – wenn’s klappt. Sollte Nokia es geschafft haben, nicht nur mit einer Technik-Innovation aufzuwarten, sondern obendrein den Kunden ein Problem zu lösen? Das wäre ein erster Schritt in die richtige Marketing-Richtung. Ein Schritt in Richtung Kundenorientierung. Dann hätten die Finnen mal eine Handy-Funktion zu entdecken, die so richtig praktisch ist und – zu Ende gedacht – die Herzen der Kunden im Sturm erobern könnte. Ich spreche von einem Foto-Handy, mit dem man eine Speisekarte abfotografiert und ruckzuck übersetzt bekommt. Dass die wenigstens Handy-Nutzer ihr Mobile beherrschen und dass die wenigsten Handybesitzer ihr Handy beherrschen und auch nur um die Funktionen wissen, ist bekannt – außer Jugendlichen natürlich. Zum Beispiel: „Ich brauche doch gar kein Foto-Handy“, die Antwort gaben mir schon ganz viele Manager, denen ich den Handelsblatt-Fragebogen „Arbeitsplatz“ vorlegte. Gefragt wurde da nach dem technischen Spielzeug, das sie am überflüssigsten finden. Das könnten sie jetzt revidieren. Zumindest diejenigen, die öfter in China zu tun haben. Denn Nokia soll jetzt ein Fotohandy entwickelt haben, das chinesische Speisekarten übersetzt, vermeldet Manager-Magazin online. Und das soll sogar schon – laut Wissenschaftsmagazin „New Scientist“ im nächsten Jahr zu kaufen sein.
Wenn’s klappt ist das grandios – und vor allem ausbaufähig. Was mit schon mit chinesischen Schriftzeichen klappt, dürfte ja umso eher in Italien, Frankreich und sonst wo klappen. Wie oft sitzt man vor Speisekarten im Ausland und rätselt, welche kulinarischen Genüsse da feilgeboten werden – und will eben nicht riskieren, Innereien oder sonst etwas, was einen abschreckt, zu riskieren. Ganz abgesehen davon, was man sich vielleicht entgehen lässt, alleine weil man eine Vokabel nicht kennt – hinter der sich vielleicht nur ein ausgefallenes Gemüse verbirgt – und lieber auf Nummer Sicher geht und was Bekanntes bestellt. Die Reiseführer helfen da meist nur für den Anfang weiter und gebratene Entenfüße würde ich wirklich nicht wollen, nicht in China und auch nicht woanders. Kleiner Schönheitsfehler, aber sicher nur eine Frage der Zeit: Im Moment übersetzt das Wunderwerk der Technik nur ins Englische.
Und Hand aufs Herz: Wie viele Leuten trauen sich gar nicht, den Kellner auszufragen, um sich vor dem keine Blöße zu geben. Oder schlimmer noch, vor den anwesenden Geschäftspartnern Wissenslücken zuzugeben. Und wenn sie denn doch beherzt fragen, stehen auch viele Kellner plötzlich ganz dumm da, selbst in den besten und mit Sternen oder Kochmützen geadelten Häusern: „Ups, da muss ich selbst mal nachfragen in der Küche“, heißt es gar nicht so selten.
Dabei könnte so eine Innovation wie der Speisekartenübersetzer ja sogar schon hierzulande helfen. Im neuen Kochbuch „Typisch Deutsch“ von Jean Claude Bourgeuil und Thomas Ruhl finden sich schon so etliche Begriffe, die einen auch als deutschsprachigen rätseln lassen. Oder wissen Sie was Bams & Tagada ist, oder Eifeler Düttchen, Kölscher Kaviar mit Musik oder Pillekuchen? Der letztere zum Beispiel ist nämlich gar kein süßer Kuchen sondern eher eine Art Kartoffelauflauf mit Speck und Käse, der nur gestürzt wird wie Kuchen.
Man stelle sich die ungeahnte Zahl der Möglichkeiten vor, wo noch Übersetzungshilfe vonnöten ist. Oder verstehen Sie die Bedienungsanleitungen der Hersteller? Oder die Beipackzettel der Chemieindustrie? Hauptsache, die Superfunktion lässt sich bei Nokia auch leicht bedienen. Sogar für diejenigen, die seit Jahren immer ihrer Handymarke treu blieben, weil sie nur deren Systematik drauf haben und am schnellsten bedienen können.
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