Warum fällt Nokias möglicher Subventionsbetrug erst jetzt auf?

Eins wundert mich wirklich: Ganz plötzlich stellt das NRW-Wirtschaftsministerium fest, dass Nokia womöglich einen Subventionsbetrug auf dem Kerbholz hat. Schlimm genug, wenn’s stimmt. Die Wahrheit wird sich hoffentlich bald erweisen. Dass die Zahl der Arbeitsplätze, für die die Fördermittel gewährt worden waren, vor sechs Jahren bis vor drei Jahren unterschritten worden sei. Und dass es um 40 Millionen Fördersumme von 1998/1999 gehe und ein weiterer „Rest schon verjährt“ sei.Ich frage mich: Warum fällt den Behörden das alles erst jetzt auf? Ausgerechnet. Warum nicht viel eher? Und wie konnte die verjährte Tat verjähren?
Mich erinnert diese plötzliche Entdeckung an die Methode von Unternehmen, die einen Manager loswerden wollen. Aber ohne Abfindung oder zumindest keine hohe: Dann gehen sie seine Spesenabrechnungen durch, bis sie auf irgendetwas stoßen, was nicht ganz astrein ist und womit man ihn dann unter Druck setzt. Arbeitsrechtler wie Jobst-Hubertus Bauer beobachten solche Methoden laufend. Gängige Praxis heisst es dann.
Erkennen Sie die Parallele zum NRW-Wirtschaftsministerium? In beiden Fällen forscht man anscheinend erst dann, wenn man auch etwas finden will? Ganz gezielt. Vorher nicht. Um die gewonnenen Erkenntnisse dann gegen denjenigen zu verwenden. Gut, schön. Bei Unternehmen kann man es verwerflich finden, erst in dem Moment den Pfeil gegen den Angestellten zu zücken, wenn man ihm ans Leder will, ihn verstoßen will – und vorher alle Augen zuzudrücken.
Bei Subventionen aber sieht es anders aus. Da ist der Staat doch wohl verpflichtet, darauf zu achten, dass der Empfänger die Mittel zweckgerecht verwendet. Und nicht erst, wenn der Empfänger nach Jahren in die Schusslinie gerät. Vergleichen Sie diese Großzügigkeit der Ministerialen mal mit der Ihres Finanzbeamten, der Ihre Einkommensteuererklärung und Ihre deklarierten Werbungskosten abhaken soll. Da werden keine Mühen und Kosten gescheut, wo es um viel, viel geringere Posten geht. Da kann man nicht misstrauisch genug sein.
Und noch etwas: Nun ist – so die dürftigen Infos in der Tagespresse bisher – schon etwas „verjährt“. Irgendwelche Beträge wohl unwiederbringlich verloren. Fazit: Man hätte offenbar schon deutlich früher Nokia auf die Finger schauen müssen. Ich frage mich, wer hat das nun zu verantworten? Zu verantworten, dass eben nicht kontrolliert, sondern blind vertraut wurde – und dass deshalb ein Schaden eintrat. Und dass überhaupt etwas verjähren konnte. Und was eigentlich genau, frage ich mich? Die Rückforderungsmöglichkeit durchs Ministerium? Eine eventuelle Straftat der Nokia-Chefs? Ich bin gespannt, wann das Ministerium in nächster Zeit wie konkret all diese Informationen liefert.
http://www.wdr.de/themen/wirtschaft/wirtschaftsbranche/nokia/080127.jhtml?rubrikenstyle=wirtschaft

5 Kommentare zu „Warum fällt Nokias möglicher Subventionsbetrug erst jetzt auf?“

  1. Die gleiche Frage habe ich mir bei der Feststellung des NRW-Wirtschaftsministeriums nach etwaigem Subventionsbetrug von Nokia gestellt. Ich habe in einem mittelständichen Betrieb(ca 150 Beschäftigte ) in Thüringen gearbeitet und mehrere Fördermittelanträge in meiner Funktion bearbeitet, eingereicht und abgerechnet.Der in den Förderbescheiden festgelegte Arbeitskräftezuwachs musste konkret mit Nachweis der Personenzahl mit Lohnlisten erbracht werden. Aber vielleicht wird bei Weltkonzernen nicht so genau kontrolliert.

    Ich hätte gerne gewusst,was-wenn sich mangelnde Kontrolle herausstellt-mit den verantwortlichen Beamten des Ministeriums geschieht.

  2. NOKIA und die Subventionen…

    Ich glaube, wir haben es hier vor allem mit folgenden Phänomenen zu tun:

    (1) Verantwortungsdiffusion in den Behörden und
    (2) Einer Art Kontrollverlustangst, bedingt durch sogenannte Sachzwänge
    (3) Dem Kaninchen vor der Schlange

    Zu (1) Solange niemand wirklich verantwortlich gemacht werden kann, wenn er Subventionen – oder was immer es gerade ist (Betreuung, irgendeine Aufsichtsaufgabe etc,), weil er selbst seine eigene Tätigkeit nicht „ver – antworten“ kann, also z.B. immer nur kleinste Teilchen von etwas begutachtet, bearbeitet oder entscheidet, wird sich nichts ändern. Meine Befürchtung Es wird immer schlimmer, weil sich die Mentalität des „ich bin es nicht gewesen!“ (ich war nicht zuständig, ich durfte es ja gar nicht, ich wusste von nichts usw.) wie ein Virus durch die früher mal entscheidenden Etagen verbreitet. Die unmittelbare gedankliche Verknüpfung der eigenen Einstellung zum daraus folgenden eigenen Verhalten und daraus folgenden Konsequenzen geht immer mehr verloren. Weil sie scheinbar immer risikoreicher wird (Angst vor Arbeitsplatzverlust usw.)

    Zu (2) Ich erlebe es bei meinen Kunden immer häufiger, dass für die Rechtfertigung eigener Handlungs- bzw. Entscheidungsunfähigkeit Sachzwänge herangezogen werden, die als Begründung einfach nicht taugen – wenn man genau hinsieht. Weil es ebenso wie die angeblich verhinderten Entscheidungen ebensolche sind: eigene Entscheidungen. Beispiel: Jemand im mittleren Management glaubt, er kann bestimmte Missstände nicht aufgreifen, weil das im Moment nicht opportun ist (zugegeben sehr platt, nur zur Verdeutlichung!), in Wirklichkeit aber unternimmt er gar nicht erst irgendeinen Versuch, weil er die Konflikte, die damit verbunden sein könnten, gar nicht erst haben will. Und das ist seine Entscheidung, oft sogar gegen seine eigene Stellenbeschreibung, die ihm genau das vorschreibt zu tun: Einzugreifen, wenn irgendetwas nicht im Sinne des Unternehmens läuft. In einer Unternehmenskultur, in der man sich tagein tagaus Geschichten über tragische Helden zuraunt, die beim Versuch Missstände aufzuklären, gescheitert sind, wo also die gemeinsame Hege und Pflege der Opfer-Kultur blüht stirbt der Mut, siegt der Opportunismus, auch wenn es objektiv gar nichts gibt, zu dem man sich opportun stellen könnte. Dazu kommen dann die Gruppenphänomene, die demjenigen, der etwas entdeckt, was aufgedeckt werden müsste, deutlich sagt, zu welcher Gruppe er nicht mehr gehört, wenn er etwas sagt: Nämlich zu der, in der er sich am wohlsten fühlt (Opfer kann sehr gemütlich sein!). Was will man dann noch erwarten?

    Zu (3) Bei der immer noch populären Meinung, die Arbeitsplätze in Deutschland hingen von der Großindustrie ab (das Gegenteil ist der Fall, immer noch werden weit mehr 80 % der Arbeitsplätze im Mittelstand geschaffen) sitzt das Kaninchen solange vor der Schlange, bis diese zubeißt, was sie im Übrigen nie verheimlicht hat, dass sie es beizeiten tun würde. Nämlich genau dann, wenn sie Hunger verspürt. Im Übrigens genauso, wie das Kaninchen, dass die Grashalme, die es frisst kaum vorher fragt, ob das wehtun könnte, nur, dass es dies als natürliches Recht und das Gefressen werden von der Schlange als natürliches Unrecht empfindet. Was lediglich eine Frage der Perspektive ist und weder logisch, noch empirisch oder irgendwie anderes ehtisch-moralisch gerechtfertigt werden könnte, wenn man von diesbezüglichen religiös „begründeten“ Aufforderungen (sich die Erde untertan zu machen) einmal absieht.
    Die Frage, warum das einzelne Kaninchen nicht merkt, dass die Schlange eine Schlange ist und kein Kaninchen, was es sich so sehnlich wünscht, damit es nicht mehr so alleine ist, ist relativ schwer zu beantworten oder doch ganz leicht: Da ist der Wunsch der Vater oder die Mutter des Gedanken. Und zwar derjenigen, die lieber fertige Lösungen von anderen übernehmen wollen, weil ihnen selbst nichts einfällt. Und das ist gar nicht böse gemeint. Außerdem schon längst Stoff von hunderten von Romanen.

    Detlef Scheer, Trainer und Coach
    Scheer consulting GmbH

  3. Weil die Beamten eben mehr (zynischen) Ehrgeiz besitzen, den wehrlosen Bürger auszuquetschen, als den großen Unternehmen auf die Finger zu schauen.

  4. Zu (3) Kaninchen und Schlange

    Kein Kaninchen bleibt vor einer Schlange sitzen.

    Es gibt allerdings Vielfrasse die sich einbilden eine Schlange zu sein und dann platzen.

    Mariana Mayer

  5. Liebe Mariana Mayer!
    Ich bin mir nicht sicher mit dem Kaninchen, denn ich habe noch nie solch eine Szene beobachten können. Sprichwörtliche Kaninchen sehe ich allerdings in meiner alltäglichen Trainer- und Beraterarbeit zu hunderten vor Schlangen sitzen. Ohne jede Not und ohne jede Begründung, einfach nur, weil die Schlange eine Schulterklappe mehr hat als das Kaninchen.
    Dass es Vielfrasse gibt, ist klar, dass sie irgendwann platzen auch, Aber ob uns das nun gefällt oder nicht, zum Fressen und Gefressenwerden gehören immer zwei. Die einen, die skrupellos fressen, was Ihnen vors Maul kommt und die anderen, die weder laufen noch Widerstand leisten, sich aber hinterher beschweren, es sei ein Vielfrass gewesen und da hätte man eben nichts machen können.
    Auch ich weiss, dass nicht jeder laufen und nicht jeder kämpfen kann. Auch ich weiss, dass es eine große Tragödie ist, wenn man vor einer Situation steht, wo einem ein Mächtiger den Boden unter den Füßen wegzieht.
    Aber dass die Verlagerung von Betrieben ins Ausland seit Jahren normal ist und immer nach dem vorhersehbar gleichen Muster abläuft, ist auch klar.
    Ich habe z.B. den Verkauf der Handysparte von Siemens an BenQo mitbekommen, aus der Sicht und auf der Ebene der unteren Führungskräfte.
    Nachdem es zunächst hieß, dass verlagert werden soll, herrschte verständlicherweise helle Aufregung. Ein Seminar war von der heißen Verhandlungesphase mit den Gewerkschaften usw. stark betroffen. Wir hatten vier Teilnehmer aus den Betrieben der Handyfertigung im Westen im Seminar. Nirmand konnte sich richtig konzentrieren, alle hatte Angst, und die anderen aus Mitgefühl gleich mit.
    Als am Donnerstag morgen die Meldung durchs Radio kam, man hätte ein zweijährigens Moratorium vereinbart, welches für jeden denkeneden Menschen bedeutete, was es hieß: Zwei Jahre wird keiner entlassen! Sonst bedeutete es nichts! Da war die Welt wieder in Ordnung, keine Rede mehr vom Häuschen, dass nicht abzuzahlen wäre oder von Überlegungen wegzuziehen o.ä. Gedanken, die vorher die Tage im Seminar beherrscht hatten.
    NICHT ALLE! Aber: Viele, viele Kaninchen machten es sich sofort wieder bequem und wichen nicht von der Schlange, die Sie dann in Stücken zwei Jahre später fraß, während sie sich darüber beschwerten, dass diese Entwicklung von wirklich niemandem vorherzusehen gewesen sei. Die Hoffnung stirbt zuletzt und ist gerade an dieser Stelle das letzte, was Sicherheit gibt.
    Ich hoffe, Sie bleiben nie vor einer Schlange sitzen und Sie treffen nie ein Vielfraß.
    Detlef Scheer

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