Behinderte, – nein danke. Oder: Die Geistesblitze der Top-Etage: „Bringen Sie mir eine Frau – am besten aus dem Ausland!“

Soziale Unternehmen? Klar, solange man Manager und andere mal einen Nachmittag zu irgendeiner Charity-Aktion schickt – am besten natürlich am Wochenende -, wo sie sich imagefördernd für die Firma einsetzen. Ausserhalb der Firma wohlgemerkt. Jedoch: Zuckerkranke, Schwerhörige, Sehbehinderte oder andere Schwerbehinderte einstellen und die Schwerbehindertenquote erfüllen? Das dann doch lieber nicht. Dann leisten die Unternehmen lieber die entsprechende Zwangsabgabe und versuchen stattdessen, eine olympiareife Mannschaft anzusteuern. Dumm nur, wenn einer von denen erst dann einen Autounfall hat und eine üble Verletzung davon trägt. Oder sich sonstwelche Malessen einhandelt, wie Krebs etwa. Sicher ist kein Mensch davor, nur die Personalchefs und die Unternehmenslenker haben das irgendwie vergessen. Oder verdrängt.
Da schreibt die „Frankfurter Rundschau“: Wilhelm Adamy, Arbeitsmarkt-Experte des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), hat die Situation behinderter Menschen auf dem Arbeitsmarkt untersucht. „Besserung am Arbeitsmarkt geht an schwerbehinderten Menschen vorbei“, lautet der Titel seiner Studie. Von 2006 bis einschließlich 2009 hätten sich die monatlichen Arbeitsmarktzahlen parallel zur Gesamtentwicklung bewegt.
Schauen Sie mal um sich herum: Sehen Sie noch Menschen mit einem körperlichen Gebrechen in Ihrer Firma herumlaufen?
Im Gegenteil: Sie entdecken stattdessen das Profit-Center Schwerbehinderter. So ist es offenbar nach deutschem Recht zulässig, Behinderten für die – gesetzlich vorgeschriebenen – Behinderten-Parkplätze ordentlich Geld abzuknöpfen. Mal eben 90 Euro im Monat beispielsweise. Praktischerweise gleich vom Lohn abzuziehen und – wenn die Firma selbst weniger Miete an den Gewerbevermieter bezahlt – auch noch ein echtes Geschäft. Da kommt im Laufe der Jahre ganz schön was zusammen. Und man muss nicht mal einen festen Platz freihalten – ist der eine Behindertenparkplatz besetzt, Pech gehabt.
Stattdessen tragen die Unternehmen auch das andere Thema „Diversity“ wie eine Monstranz vor sich her – freilich mit höchst eigener Interpretation. Da verkünden sie stolz, dass und wieviele ihrer Vortsände und Aufsichtsräte aus dem Ausland kommen und zählen plötzlich Österreich und die Schweiz zu den echt benachteiligten Bevölkerungsgruppen in Deutschland – und übersehen dabei geflissentlich eins: Wenn Aufgabe von Diversity ist, benachteiligte Bevölkerungsgruppen auch in den Führungsetagen abzubilden: Wo bleiben denn dann zehn Prozent der Türken in den Top-Etagen der Wirtschaft? Wieviele der rund 180 Dax-30-Vorstände sind denn türkischer Herkunft? Dabei wären es die, die in Deutschland auch im Cockpit abgebildet werden müssten. Was passiert stattdessen: Henkel schmückt sich mit einem Dänen, Bayer mit einem Holländer und Siemens mit einem Österreicher. Die hatten wir nun alle nicht als benachteiligte Bevölkerungsgruppen hierzulande ausgemacht. Und trotzdem verwenden es die PR-Abteilungen schamlos als Ruhmesblatt, mit dem es sich zu schmücken gilt. Leider fallen auch viele Journalisten drauf rein.
Die holt man sich eher als Feigenblatt – und freut sich über größere Auswahl (nämlich auch aus dem angrenzendem Ausland) unter den Management-Kandidaten. Denn der eigentliche Grundgedanke wie in den Vereinigten Staaten, dass Farbige und Indianer nicht benachteiligt, sondern an den Entscheidungen beteiligt werden sollen, kann hierzulande so ja nicht erreicht werden. Es sind schlicht die falschen Landsleute: Denn würden es die Entscheider ernst meinen, wären es dann ja türkischstämmige Mitbürger, sie sie anheuerten.
By the way: wer immer noch die Gleichstellung von Frauen unter Diversity fasst, zeigt endgültig, dass er den Schuss nicht gehört hat. Sind Frauen doch ein Geschlecht, die halbe Menschheit – und keine benachteiligte Bevölkerungsgruppe. Nur so kommt es, dass sich Headhunter schon seit mindestens zwei Jahren immer wieder denselben Geistesblitz in den Top-Etagen anhören müssen: „Bringen  Sie uns doch eine Frau aus dem Ausland!“ – und glauben dann, sie hätten nun zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Grandios. Die Headhunter lächeln gequält, neu ist die Idee ja nicht – und tun sich am Ende aber trotzdem leichter, ihrem Auftraggeber eine Frau aus dem Ausland zu präsentieren. So wie die Booz-Allen-Frau Karen Doorepaal aus Holland beispielsweise. Denn: Da Frauen überall in Europa besser Karriere machen konnten in denvergangenen Jahren als hierzulande, finden sie dort wenigstens jemanden. Anders als in Deutschland. Dass diejenigen Damen sich auch nicht unbedingt lange halten in der Position, so what – nach dem Warum wird lieber nicht gefragt. Schauen Sie mal nach, unter den Dax-Ladies ist (so mein letzter Stand) ungefähr jede zweite nicht von hier. Und wieso, ist auch klar.