Buchauszug Anne Klesse: „Du Wunder. Warum Mütter perfekt sind, wie sie sind.“

Anne Klesse (Foto: Lübbe PR / Annika Nord)
So viele Anforderungen….
Die Erwartungen an moderne Mütter sind hoch: Sie sollen sich in der Schwangerschaft so ernähren, dass es für das Baby das Beste ist. Sie sollen nicht zu jung und nicht zu alt sein. Sie sollen schnellstmöglich wieder in den Beruf einsteigen – aber auch nicht zu früh. Sie sollen im Erwerbsjob performen wie vorher, sich aber gleichzeitig umfassend um ihr Kind kümmern. Sie sollen stillen und genug Milch produzieren – allerdings nicht in der Öffentlichkeit, denn das wiederum gilt vielen als unappetitlich anzusehen.
Mütter sollen sich nicht über Stress beschweren, sondern gut drauf sein und sich glücklich schätzen. Sie sollen ihren Körper möglichst schnell wieder in Form bringen und gut aussehen. Sie sollen ihrem Partner genug Aufmerksamkeit schenken und ständig an sich und ihrer Beziehung arbeiten. Sie sollen etwas für sich und die eigene Entspannung tun, sich aber nicht zu viel um sich selbst kümmern und auch nicht überfürsorglich sein. Sie sollen am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, aber um Himmels willen kein schreiendes Baby mit ins Restaurant, Museum, Kino oder Theater bringen.
Sie sollen dem Kind nicht nur Manieren beibringen, sondern auch noch all das, was nicht in der Schule gelehrt wird (also vieles). Sie sollen kein egoistisches Einzelkind erziehen. Einerseits sollen sie zur Bevölkerungsentwicklung beitragen, also eine gesellschaftspolitische Aufgabe erfüllen, andererseits aber auch nicht zu viele Kinder bekommen, denn das wäre ja asozial. Sie sollen die Verwandten am Kinderglück teilhaben lassen, ihnen aber nicht vorschreiben, wie sie mit dem Kind umgehen sollen. Die To-do- wie auch die Not-to-do-Liste von Müttern ist lang, und sie ließe sich fortführen.
Schwierig bis unmöglich: All den Forderungen gerecht zu werden
Logisch, dass es vor diesem Hintergrund schwierig bis unmöglich ist, all diesen ebenso hehren wie teilweise widersprüchlichen Forderungen gerecht zu werden. Das war grundsätzlich sicher schon immer so, aber die Ansprüche haben im Laufe der Zeit zugenommen, weil Mütter heute mehr Aufgaben gleichzeitig er- ledigen müssen als früher. Der Tag aber hat immer noch lediglich vierundzwanzig Stunden.
Kinderbekommen als Störfaktor
Am Ende bin ich mir sicher, dass Mütter es nicht allen recht machen können. Vor allem nicht sich selbst. Das liegt allerdings nicht in erster Linie daran, dass es nun einmal anstrengend ist, ein Kind zu versorgen – es hat vor allem mit den gesellschaftlichen Strukturen zu tun. In vielen Bereichen wird das »Kinderbekommen« einfach nicht mitgedacht und darum zum Teil sogar zum Störfaktor. Kind und Karriere? Lächerlich – die meisten Frauen sind froh, wenn sie ihrem Erwerbsberuf, in den sie vorher viel Zeit und Mühe investiert haben, überhaupt adäquat weiter nachgehen können.
Echte Karriere-Steps haben von den Müttern, die ich kenne, die wenigsten geschafft, vor allem nicht in Teilzeit. Nicht von ungefähr machen sich immer mehr Mütter selbständig. Die eigene Chefin zu sein hat viele Vorteile. Und irgendjemand muss sich schließlich um die Kleinen kümmern, wenn diese nicht zwölf Stunden am Tag in Fremdbetreuung sein sollen, denn das wäre gesellschaftlich ebenso geächtet – Stichwort Rabenmutter.
Sigrid Nikutta: „Die Wahl des richtigen Partners ist ein entscheidender Karriereschritt“
Sigrid Nikutta, im Vorstand der Deutschen Bahn zuständig für das Ressort Güterverkehr und vorher Vorstandsvorsitzende der Berliner Verkehrsbetriebe, hat in einem Interview zum Thema »100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland« auf die Frage, was sie jüngeren Frauen beim Thema Karriere raten würde, gesagt: »Erstens Technik und Informatik studieren und sich zweitens den Partner/die Partnerin genau angucken. Die Auswahl des richtigen Menschen an der Seite ist bereits ein entscheidender Karriereschritt.«
Die Schulferien sind immer länger als der Urlaub von Angestellten
Das sehe ich genauso: Ob eine Mutter in ihrem Erwerbsberuf Erfolg hat oder nicht, ist abhängig vom Umfeld. Natürlich gibt es mittlerweile Vorgesetzte, für die Elternschaft oder Teilzeit kein Hinderungsgrund für eine Beförderung und mehr Verantwortung sind. Aber solche Chefs sind leider noch immer die Ausnahme. Die meisten sehen vor allem Probleme: weniger zeitliche Flexibilität, mehr Fehltage wegen kranker Kinder. Nicht zu vergessen die komplizierte Urlaubsplanerei, denn wer kann schon mit seinen Urlaubstagen zwölfeinhalb Wochen Schulferien im Jahr abdecken?
Dass ein Großteil der Gesellschaft auch im Jahr 2021 nicht willens ist, dafür kreative Lösungen zu finden, lässt sich täglich beobachten. Während der Coronapandemie musste in vielen Branchen von heute auf morgen Homeoffice ermöglicht werden. Das führte aber mitnichten dazu, dass weniger gearbeitet wurde, wovor Arbeitgeber alter Schule vorher beim Thema Homeoffice immer gewarnt hatten. Das Gegenteil war der Fall – die allermeisten arbeiteten zu Hause mehr als vorher im Büro. Ich würde mir wünschen, dass Möglichkeiten, von überall aus arbeiten zu können, erhalten blieben, auch nach dem Ende der Pandemie. Das würde auch mehr Gleichberechtigung möglich machen.
Karrierestopper für Mütter: Die Elternzeit als Auslandsreise
Allerdings müsste sich dafür auch im Privaten einiges ändern. Ich kenne lediglich zwei Paare, die ihre Elternzeitmonate paritätisch untereinander aufgeteilt haben und bei denen erst der eine, dann der andere mit dem Kind zu Hause geblieben ist. Die meisten Freunde, bei denen nicht nur die Mutter, sondern auch der Mann Elternzeit nahm (in den meisten Fällen zwei Monate), nutzten die Zeit für einen gemeinsamen langen Familienurlaub im Ausland. Auch schön – aber unter dem Gesichtspunkt Mütter- Karriere völlig ohne Wirkung.
Bundesweit sind gerade mal fünfundzwanzig Prozent der Elterngeld-Beziehenden Männer, und nur wenige beantragen mehr als zwei Monate. Das hat viele Gründe, oft finanzielle, weil Männer im Schnitt mehr verdienen als Frauen und im Familienbudget nicht auf das höhere Gehalt verzichtet werden kann. Mit Gleichberechtigung hat das allerdings so oder so überhaupt nichts zu tun, denn der Elternzeit-Vater ist nur kurzfristig und nicht monatelang mit dem Neugeborenen auf sich gestellt.
Ich weiß lediglich von einem einzigen Vater, der seine Arbeitszeit seit der Geburt des ersten Kindes auf nur noch zwanzig Stunden in der Woche reduziert hat, während seine Frau direkt nach Ende des Mutterschutzes wieder in Vollzeit durchstartete. Auch bei meinem Freund und mir war es so, dass er mehr oder weniger weiterarbeitete wie vor der Geburt unseres Kindes, während ich mich beruflich komplett umorganisieren musste.
Keine Anerkennung für gut gewechselte Windeln
Das Problem: Dieser Cut im Berufsleben der Mutter ist nach jahrelanger Ausbildung nicht nur gesamtgesellschaftlich ökonomisch fragwürdig, der Schritt katapultiert die Betroffenen auch von heute auf morgen ins Abseits und damit in eine gewisse Bedeutungslosigkeit. Zumal die Rolle der Mutter zwar als selbstverständlich angesehen wird, aber mit der Einschränkung, dass dabei in den Augen der Gesellschaft wenig richtig, aber viel falsch gemacht werden kann. Anerkennung gibt es für eine besonders gut gewechselte Windel oder einen ausgiebigen Spaziergang mit dem Kinderwagen jedenfalls nicht.
Das Familienleben so zu gestalten, dass sich niemand ausgebremst oder benachteiligt fühlt, gehört zu den schwierigsten Aufgaben, die eine Elternschaft mit sich bringt. In der Folge führt das zu den häufig ebenso verzweifelten wie letztlich vergeblichen Versuchen, irgendwie alles gleichzeitig zu schaffen.
Familienleben sollte auch ohne App klappen
In einem Onlineforum für technikaffine Frauen stellte eine Userin die durchaus ernst gemeinte Frage, ob jemand eine Smartphone-App empfehlen könne, mit deren Hilfe sie mit ihrem Partner »kurzfristig Dinge rund um das Familienleben absprechen« könne. Für mich trieb diese Überlegung die Absurdität des Themas auf die Spitze. Wie wäre es denn, ganz oldschool, mit einem kurzen, analogen Gespräch? Wenn noch nicht einmal dafür genug Zeit übrig ist, sondern auch dort digital nach zeitsparenden effizienten Lösungen gesucht werden muss – was macht denn dann überhaupt noch »Familienleben« aus?
Für mich ist schon der tatsächliche Nutzen synchronisierter Familienkalender-Apps fraglich, auch wenn ich den Sinn dahinter durchaus anerkennen kann. In ihnen tragen einige meiner Freundinnen und ihre Partner sowohl berufliche als auch private Termine ein, dazu Einkaufslisten, Abholzeiten der Kita, deren Schließtage, Schulausflüge, Kindergeburtstags-Einladungen und vieles mehr. Bei akutem Kinderwunsch kann der elektronische Kalender sogar mit einer Fruchtbarkeits-App kombiniert werden, um ein passen- des Zeitfenster für Sex an den relevanten Tagen zu reservieren. Grotesk! Bei vielen führt diese Art der Absprache leider dazu, dass die Erwachsenen immer mehr getrennt unternehmen und selten spontan gemeinsam Zeit verbringen. Ohne konkreten und geplanten Anlass gibt es kein Match für Familienleben.
Aber vieles rund um die Elternschaft ist eben nicht planbar. Wer sich darauf nicht einlassen kann, wird das zwangsweise als Frustration erleben.
Die Schwierigkeit: Aus der Arbeitswelt sind wir einfache Regeln gewohnt. Zum Beispiel die, dass es für Probleme Ursachen und Lösungen gibt. Wer die Regeln verstanden hat und befolgt – dazu fleißig und gut vernetzt ist, selbstbewusst auftritt und verhandelt –, kommt weiter. Natürlich gibt es auch unberechenbare Vorgesetzte und Ereignisse, aber meistens funktioniert die Erwachsenenwelt nach dem Wenn-dann-Prinzip. Wenn man alles richtig macht, dann gibt es Anerkennung in Form von Lob, Gehaltserhöhungen oder neuen Jobtiteln. Beim Elternwerden kann man sich zwar im Vorfeld informieren, Ratgeber lesen und sich mit anderen Eltern austauschen. Aber in der Situation selbst ist es dann oft alles doch ganz anders als gedacht. Kinder funktionieren eben nicht nach dem Problem-Ursache-Lösungs-Prinzip.
Komplett fremdbestimmt – und ohne Exit-Strategie
Auch deshalb fühlte ich mich nach der Geburt zum ersten Mal in meinem Leben komplett fremdbestimmt, ohne dass ich daran etwas ändern konnte. Da das Leben eines kleinen Menschleins von mir abhing, gab es nicht einmal eine Exit-Strategie, kein »Dann schmeiß ich eben hin und such mir einen anderen Job«. Äußerlich schien bei allen anderen Familien immer alles Friede, Freude, Eierkuchen. Deshalb plagten mich Schuldgefühle, weil es sich verboten anfühlte, etwas anderes als »pures Mutterglück« zu fühlen.

Anne Klesse: „Du Wunder. Warum Mütter perfekt sind, wie sie sind.“ 237 Seiten, 16,90 Euro, Lübbe Life Verlag. https://www.luebbe.de/luebbe-life/buecher/lebenshilfe/du-wunder/id_8748920
Wie viele Paare versuchten schließlich vergeblich, ein Kind zu bekommen? Ausgerechnet mir wurde dieses Wunder zuteil. Auch war meine Entbindung objektiv betrachtet eher unkompliziert, und mein Baby das, was andere »pflegeleicht« nennen.
Pflegeleichte Babys gibt es, sind aber nicht selbstverständlich
Aus dem Bekanntenkreis hatte ich da ganz andere Dinge gehört. Das Kind einer Freundin schrie in den ersten Monaten zum Beispiel so viel und so laut, dass sie und ihr Partner nur noch mit Ohrenstöpseln oder Kopfhörern herumliefen. Anfangs unternahmen sie außer Spaziergängen im Wald so gut wie nichts, da sie anderen den permanenten Geräuschpegel nicht zumuten mochten und sich selbst im Restaurant oder in der U-Bahn genervte Blicke ersparen wollten. Also verabschiedeten sie sich für mehrere Monate aus dem gesellschaftlichen Leben.
Die tückischen Ansprüche an sich selbst
Unsere Umwelt hat bestimmte Rollenerwartungen, insbesondere an Mütter. Suggeriert wird, dass wir permanent verfügbar sein müssen – für das Kind, für die Partnerin oder den Partner, für Kita oder Schule. Die meisten Mütter, die ich kenne, sind weniger durch ihre Kinder gestresst als von den Erwartungen, denen sie gerecht werden wollen, ohne sie erfüllen zu können. Wir selbst haben ebenfalls den hohen Anspruch an uns, so viel wie möglich allein zu schaffen und in allem möglichst perfekt zu sein.
Da geht es einerseits um Äußerlichkeiten, also um alles, was die heile Fassade aufrechterhält: niedliche und stets saubere Kinderklamotten zum Beispiel, selbst gebastelte Einladungskarten und kreative Torten für den Kindergeburtstag. Und andererseits geht es um die Partnerschaft. Obwohl die meisten Paare allein schon aufgrund der neuen Konstellation zwischendurch Probleme haben, sprechen die wenigsten darüber, sondern kümmern sich lieber um das perfekte Buffet für die nächste Grillparty. Wer das nicht rechtzeitig erkennt und zu ändern vermag, landet spätestens nach ein paar Jahren in einem Zustand, wo aus anfänglich kleinen und harmlosen Unzufriedenheiten ernsthafte Beziehungsprobleme geworden sind. Denn auch unsere Erwartungen an die Partnerschaft sind hoch.
Die Hamburger Paar- und Sexualtherapeutin Nele Sehrt sagte mir in einem Interview: »Das Bild, das wir von Sex haben, der immer grandios sein muss, ist Blödsinn. Die Vorstellung davon, wie Sexualität zu sein hat, ist etwas, das uns bremst. Mittelmäßiger und schlechter Sex gehören auch dazu.« Wir beide kringelten uns vor Lachen über dieses Statement und das daraus resultierende Bild, in dem ein Paar nach dem Sex im Bett liegt und einer von beiden so etwas sagt wie: »Das war jetzt so richtig schön mittelmäßiger Sex.« Worauf Nele Sehrt tatsächlich aufmerksam machen wollte: Das elendige Leistungsprinzip macht auch vor der Tür zum Schlafzimmer nicht halt.


Copyright: @Claudia Tödtmann. Alle Rechte vorbehalten.
Kontakt für Nutzungsrechte: claudia.toedtmann@wiwo.de
Alle inhaltlichen Rechte des Management-Blogs von Claudia Tödtmann liegen bei der Blog-Inhaberin. Jegliche Nutzung der Inhalte bedürfen der ausdrücklichen Genehmigung.