Buchauszug Rolf-Dieter Mönning: „Die Kehrseite“
Ein Wirtschaftskrimi.

Rolf-Dieter Mönning (Foto: PR/
Das Familiendrama der Bertrams: Der alte Patriarch Walter hat sich nie mit seiner erzwungenen Ablösung abgefunden, Sohn Oliver ist den Anforderungen als Geschäftsführer nicht gewachsen, während Maria, die Mutter, von der Familie an den Rand gedrängt wird. Noch ärger, weil völlig unerwartet, trifft Olivers ahnungslose Ehefrau Yvonne der finanzielle Zusammenbruch des Unternehmens. Als die Männer straucheln, übernehmen die Frauen die Initiative, um den Schaden zu begrenzen und die Familie vor dem Ruin zu bewahren.
Maria wird mit einem Anfechtungsanspruch des Verwalters konfrontiert und hat wenig Verständnis für die Passivität ihres Sohnes.
Langer Atem Nr. 21
Langsam ließ Oliver das Schriftstück sinken und schaute seine Mutter an.
Da stand es schwarz auf weiß: eine Million in Euro. Anfechtung einer Zahlung,
die seine Mutter weniger als ein Jahr vor Einleitung des Insolvenzverfahrens
erhalten hatte. Rechtmäßig. Als Rückzahlung auf ein Darlehen, das
Maria aus eigenen Mitteln dem Unternehmen gewährt hatte.
Ein Rückgewährsanspruch, wie es in dem Schreiben eines Berliner Anwalts
namens Drossos hieß, der im Auftrag des Insolvenzverwalters handelte.
Zahlbar innerhalb von drei Wochen. Zur Vermeidung einer Klage.
»Hast du das Geld?«, erkundigte sich Oliver zaghaft. Maria schüttelte
den Kopf. Sie saß wie immer kerzengerade und wie für einen Stadtbesuch
gekleidet auf einem Ledersessel im Wohnzimmer. Aber zum ersten Mal beschlich
Oliver der Eindruck, dass sich das Aussehen seiner Mutter ihrem Lebensalter
angeglichen hatte. Ihre dunklen Augen waren trüb und traurig. Es
war einiges zusammengekommen im vergangenen Jahr, und das war noch
nicht zu Ende. Der Insolvenzantrag von Bertram, der ständige Streit mit
ihrem Mann, das Leben mit dem Schatten einer Dauerrivalin, der heftige
Zank zwischen Walter und Oliver, der Herzinfarkt, eine schwierige Rekonvaleszenz
mit immer neuen Rückschlägen, die finanziellen Probleme ihres
Sohnes und jetzt auch noch der gegen sie gerichtete Zahlungsanspruch, der
ihre Möglichkeiten überstieg.
»Nein, Oliver. Ich habe allenfalls die Hälfte des benötigten Geldes sofort
verfügbar. Daneben halte ich noch Kleinkram, Fondsanteile und Aktien, die
aber alle seit 2008 abgestürzt sind und sich noch nicht erholt haben. Zudem
besitze ich das Haus in Holland und die Hälfte dieses Hauses.«
»Aber hast du nicht gesagt, dass Papa einspringen wird?«
Maria seufzte und knetete ihre schmalen Hände. Dann stand sie auf und
schenkte sich einen Cognac ein. Mit dem Glas in der Hand verharrte sie
stumm vor dem Getränkewagen.
»Walter hatte einen großen Teil seines Geldes bei Lehman angelegt
und in der Pleite 2008 verloren.« Oliver versteifte. Er umklammerte
mit beiden Händen die Lehnen seines Sessels. Das war ein unerwarteter
Schlag. Denn trotz allen Streits und Haders war er innerlich überzeugt
gewesen, sein Vater würde ihn nicht im Regen stehen lassen. Würde ihm
helfen, eine Privatinsolvenz zu vermeiden, wenn er tatsächlich mit einem
Schadensersatzanspruch in Millionenhöhe konfrontiert würde. Und jetzt
sah es von einer Sekunde zur anderen so aus, als könnte sein Vater selbst
dann nicht helfen, wenn er über seinen Schatten springen würde. »Moment
mal, Mutter. Ich habe gelesen, die Gläubiger bekämen ihr Geld vollständig
zurück.«
Maria löste sich aus der Starre und setzte sich wieder.
»Ich war bei Benno. Die Gläubiger der deutschen Partner von Lehman
bekommen ihr Geld zurück. Walter hat aber in den USA investiert. Da sieht
die Sache völlig anders aus!«
Oliver widersprach: »Da soll es aber gerade die fünfte Teilzahlung gegeben
haben, wie ich gelesen habe.«
Maria wusste es jedoch besser: »Stimmt. Aber nach allen Prognosen werden
die Gläubiger höchstens mit 30 Prozent rechnen können. Benno hat
alle Vollmachten und wickelt das ab. Und ich will mit diesem Drossos oder
direkt mit dem Verwalter reden. Jedenfalls brauche ich Zeit. In drei Wochen
kann ich das nicht begleichen.«
Jetzt konnte auch Oliver eine Stärkung gebrauchen. Er stand auf und
schenkte sich einen Whiskey ein. »Gibt es Eis?«
Oksana, die in der Küche beschäftigt war, hatte das Wort »Eis« vernommen
und eilte mit einem Eisbehälter herbei. »Herr Bertram. Sie müssen auf
Ihre Mutter aufpassen. Sie muss mehr essen.«
»Ist gut, Oksana.« Mit einer Handbewegung ließ Maria erkennen, dass
sie dieses Thema nicht mit ihrer Hausangestellten zu erörtern gedachte.
»Sie meint es nur gut. Und sie hat recht. Du hast abgenommen. Das sieht
man.«
Eine steile Falte zwischen Marias Augen machte Oliver klar, dass seine
Mutter keine weiteren Ausführungen zu ihrer persönlichen Befindlichkeit
wünschte.
»Dir ist klar, dass ich dich vorläufig nicht weiter finanziell unterstützen
kann?« Was als Frage formuliert war, kam bei Oliver als Feststellung an.
Hatte Yvonne also mehr als nur eine Ahnung, als sie neulich im Le Canard
die Möglichkeit angedeutet hatte, sich räumlich zu verkleinern. Wusste sie
mehr? Und wenn ja, von wem?
Oliver erzählte von Yvonnes Vorschlag, das Haus zu verkaufen und in
eine kleinere Wohnung zu übersiedeln. Aus Kostengründen. Einen möglichen
Übererlös vielleicht sogar für den Kauf einer Eigentumswohnung zu
verwenden, bevor er als Teil einer möglichen Insolvenzmasse seinem Zugriff
entzogen war, weil das Haus leider in seinem Alleineigentum stand.
»Sie geht davon aus, dass ich an einem Insolvenzverfahren nicht vorbeikommen
werde. Privatinsolvenz. Fünf Jahre bis zur Restschuldbefreiung. Sie
war bei Otten und hat sich erkundigt.«
Maria war beeindruckt. »Sieh mal an, so viel Tatkraft und Realitätssinn
hätte ich deiner Frau nie und nimmer zugetraut.«
Oliver lachte bitter. »Frauen sind die besseren Krisenmanager, soll Hannes
gesagt haben. Angeblich stellen sie sich schonungsloser der Realität.«
Maria dachte nach. »Euer Haus zu verkaufen, wäre in der Tat nicht die
schlechteste Idee. Es ist viel zu groß, vor allem wenn Anna-Maria und bald
auch Justus erwachsen werden und ausziehen. Ich möchte nicht wissen, was
dieses luxuriöse Anwesen jährlich kostet. Es wäre auch eine Nummer kleiner
gegangen. Dein Vater war außer sich, als er die Pläne gesehen hat. Und der
Bau hat dir nur Neid und Ärger eingebracht.«
Oliver schluckte. Direkte Kritik kannte er von seiner Mutter nicht, die
Unverständnis immer wohl temperiert zu artikulieren wusste.
»Ich hätte bauen können, was ich wollte. Papa hätte an allem etwas auszusetzen
gehabt. Der hat mich nie für voll genommen. Was ich gemacht
habe, war verkehrt. Und habe ich es verkehrt gemacht, war es auch nicht
richtig.«

(Foto: PR/Gans Verlag)
Maria wurde deutlich: »Er war enttäuscht. Vermisste die Ernsthaftigkeit
sowohl bei dir als auch bei deinem Bruder. Ein Unternehmen ist kein Spielzeug,
mit dem man jongliert. Walter hat euch früh in das Unternehmen
geholt. Verantwortung übertragen. Und ihr habt die erstbeste Gelegenheit,
seine Krankheit, genutzt, um die Ausrichtung von Bertram zu ändern. Mal
eben der Treuhand 200 Filialen abgenommen, was nicht zur Struktur passte
und sich am Ende auch als verhängnisvoll erwiesen hat.«
»Also bin ich am Zusammenbruch schuld?«, entfuhr es Oliver. »Ist es
das, was du mir sagen willst?« Erregt war Oliver aufgestanden. Ging ein paar
Schritte Richtung Tür, blieb dann aber unschlüssig im Raum stehen und
schaute seine Mutter an.
»Es geht nicht um Schuld«, fuhr Maria fort. »Euer Alleingang hinter
Walters Rücken hat eine Kette von falschen Entscheidungen und eine unheilvolle
Entwicklung ausgelöst. Und zudem unsere Ehe gefährdet, weil ich
euch nicht Einhalt geboten habe. Schließlich hat er auch noch Hans aus
dem Haus getrieben, die Familie entzweit und Walter zu einem Tyrannen
gemacht, der er nicht immer war.«
»Eure Ehe gefährdet?«, Oliver verzog die Mundwinkel und hob den Daumen
der rechten Faust. »Eine gute Beschreibung für Ehebruch und Doppelleben.
Seit mehr als 20 Jahren muss ich mir spöttische Bemerkungen anhören.
Wie du das mitmachen konntest, ist mir unerklärlich.«
»Ganz einfach, mein lieber Sohn. Man läuft nicht kurzerhand weg. Sondern
stellt sich der Verantwortung. Ich habe den Rahmen geschaffen, der
sich für eine Unternehmerin, die Verantwortung für fast 2000 Leute hat,
geziemt. Schließlich bin ich an Bertram beteiligt und auch noch Beiratsvorsitzende.
«
Oliver glaubte, sich zu verhören. Dafür hatte seine Mutter eine Nebenbuhlerin
in Kauf genommen? Mitleid, Spott und abträgliche Bemerkungen
ertragen. Aus Verantwortungsgefühl für das Unternehmen das Bild einer
heilen Unternehmerfamilie gepflegt. Auf Verbandstagungen als First Lady
repräsentiert.
»Entschuldige bitte, aber ich muss dir noch etwas sagen.« Maria war
offensichtlich noch nicht fertig. Sie hatte sich im Sessel aufgerichtet, das
Glas abgestellt und den Zeigefinger erhoben. »Eine Insolvenz ist nicht das
Ende. Was hindert dich, aktiv an einer Lösung zu arbeiten? Anstatt tatenlos
zuzuschauen und dich nach Tirol abschieben zu lassen, könntest du
über eine Auffanglösung nachdenken. Versuchen, Partner zu finden. Dich
an die Spitze einer möglichen Sanierung setzen. Vielleicht wäre ein Insolvenzplan
eine Option. Also Rat einholen. Auch Benno versteht nicht, dass
du alles laufen lässt. Und genau diese Interessenlosigkeit ist es, was deinen
Vater so genervt hat.«
Oliver ließ Schultern und Arme sinken. Setzen, Fünf. Das hatte er öfter
von Dr. Weins, seinem Lateinlehrer hören müssen, wenn er wieder mal die
Vokabeln nicht gelernt hatte. Und genauso fühlte er sich nach dieser unerwarteten
Ansage. In Marias Gesicht erschien ein leicht mitleidiger Zug.
»Denk mal in Ruhe über meine Worte nach«, setzte sie in deutlich sanfterem
Ton hinzu, stand auf und fasste den wie ein geprügeltes Kind im Raum
stehenden Oliver mit beiden Händen an den Schultern.
»Ich fahre morgen nach Bad Ems. Es sieht nicht gut aus. Walter wird
wohl nicht an einer weiteren Operation vorbeikommen. Er muss wahrscheinlich
ins Herzzentrum nach Koblenz verlegt werden. Willst du mitkommen?
Johanna ist auch da!«
Oliver glaubte, sich verhört zu haben. »Steht es so schlimm?« Und fügte
hinzu: »Ich kann leider nicht weg. Morgen ist Gläubigerausschusssitzung. Es
könnte zu einer Verkaufsentscheidung kommen.«
Maria wendete sich ab und kehrte ihrem Sohn den Rücken zu. »Schade.
Dann sind die Würfel wohl gefallen. Aber einen Besuch bei deinem Vater
solltest du nicht mehr zu lange aufschieben.«
Oliver fuhr zum Stauweiher. Ohne Laufschuhe und Sportsachen konnte er
den kleinen See nur im Spazierschritt umrunden. Ein Angler grüßte und
meinte, ihn schon länger nicht mehr gesehen zu haben. Das konnte stimmen,
denn seit dem Sommerurlaub hatte er aus Bequemlichkeit auf die morgendlichen
Laufrunden verzichtet. Er setzte sich auf den Steg und schaute
ins Wasser, das sein Gesicht leicht verzerrt spiegelte. Er sah aus, wie er sich
fühlte. Seine Mutter lag richtig. Nie hatte er sich seiner Führungsaufgabe
vorbehaltlos und mit aller Energie gestellt. Nie hatte er Freude empfunden,
nie den Ehrgeiz entwickelt, in die Fußstapfen seines Großvaters zu treten,
der das Unternehmen aufgebaut hatte. Bertram war für ihn eine Last, die
ihm aufgebürdet worden war, weil er denselben Namen trug. Seinen Frust
arbeitete er an seinem Vater ab, der sich revanchierte, indem er ihn bei jeder
Gelegenheit schikanierte und runtermachte. Jetzt hatte Maria ihm schonungslos
die Augen geöffnet. Das Verhalten seines Vaters war Folge seiner
Enttäuschung, die auf der Erkenntnis beruhte, dass sein Sohn weder die
Lust verspürte noch die Disziplin aufbrachte, sich seiner Führungsaufgabe
gewachsen zu zeigen. Die vielleicht auch eine Nummer zu groß für ihn war.
Und auch deshalb hatte er sich gar nicht erst mit der Frage befasst, ob es eine
Sanierungslösung unter seiner Beteiligung gab.
Er war niemals vorneweg, sondern immer nur irgendwie mittendrin. In
der Schule mittelmäßig, im Studium fiel er nicht besonders auf, für eine
Promotion reichte die Note nicht, und wissenschaftliche Arbeit lag ihm ohnehin
nicht. Die Rennfahrerkarriere war beendet, bevor sie begonnen hatte.
Beim Hockey bescheinigte ihm der Trainer Talent, aber es fehlte die Ausdauer,
der Trainingsfleiß. Eine Zeitlang hatte er Uhren gesammelt und sich
in der Schweiz in die Geheimnisse komplexer Uhrwerke einführen lassen.
Aber es dauerte nicht lange, und er hatte die Lust an diesem Hobby verloren
und seine kleine Sammlung wieder verkauft. Nicht anders verhielt es
sich mit seinen Kenntnissen moderner Kunst. Er sammelte, ließ sich auch
beraten und hörte Vorträge, aber als Kunstkenner konnte er sich wahrlich
nicht bezeichnen. Französisch hatte er seiner Frau zuliebe vertiefen wollen.
Der Ehrgeiz erlahmte, als er sich halbwegs gut verständigen konnte. Und als
ihn seine boshafte Schwiegermutter immer wieder korrigierte, legte er aus
Trotz die Bücher weg und vermied den Kontakt zu Yvonnes Familie. Überall
hatte er reingeschnuppert, alles Mögliche angefangen. Ein Spruch seines
Klassenlehrers kam ihm in den Sinn: »Wer alles kann, kann nichts richtig!«
Der hatte ihn vielleicht schon vor 30 Jahren durchschaut.
Aber es half alles nichts. In seiner jetzigen Lage musste er die Dinge
realistisch betrachten. Die kleine Bertram Austria stellte überschaubare Anforderungen.
Denen war er gewachsen. Auch wenn ihn die Fahrerei nervte.
Man konnte mehr daraus machen. Wenn er nicht nur an einem Tag in der
Woche in Wörgl wäre. Wenn er sich aufmachte, das Unternehmen auf eigene
Füße zu stellen. Wenn.
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