Unbehelligt im Museum.

Kundenorientierung? Nicht in Deutschlands Museen. Die einen reden schlau daher, aus der Angst heraus, enttarnt zu werden – und die anderen lassen sich nix anmerken: weil sie nix verstehen. Und so kann dieser Zustand Jahrzehnte andauern. Ein Musterbeispiel mangelnder Kundenorientierung.
Da erleben die Museen immer neue Publikumsrekorde. Besucher nehmen stundenlange Wartezeiten in Kauf – bei Moma in Berlin waren fünf Stunden nicht ungewöhnlich – und sie zahlen auch noch gepfefferte Eintrittsgelder. Doch niemand bemerkt, dass fast die Hälfte der Besucher nicht mal im Ansatz versteht, was ihnen die Kunstexperten zu der Ausstellung erklären wollen. Auf den schönen großen Wandtafeln etwa noch bevor es mit der Kunst so richtig losgeht. Das fanden jetzt die zwei Sprachforscher Andreas Gardt und Ingo Warnke heraus, als sie die Besucher der Documenta befragten. Ob sie denn die Erläuterungstexte verstünden. Die Befragten durften anonym bleiben und so kam denn auch die verblüffende Antwort heraus: Von 219 Leuten verstanden 95 kaum etwas davon oder gar nichts. Verblüffend, weil dies niemand eher bemerkt hat. Verblüffend, weil diese große Menge – immerhin fast jeder zweite – offenbar über Jahrzehnte schwieg. Beschämt. Weil sie sich „zwangsläufig eingeschüchtert fühlt“, so die Kasseler Professoren. Und weil die Experten sich absichtlich so ausdrücken, damit ihnen hinterher niemand nachsagen kann, sie hätten ein Kunstwerk falsch interpretiert. Deshalb retten sie sich in vage Metaphern und schwafeln sich was zurande. Für sie ist das praktisch, unterm Strich jedoch ineffizient.
Das Fazit: Beide fürchten sich im Grunde, bloßgestellt zu sein. Doch mit einem Unterschied. Der eine geriert sich als Experte, kommt superwichtig daher und schüchtert den anderen absichtlich ein und macht ihn klein mit Hilfe der Sprache. Und der andere, der ja eigentlich das Recht hat, unwissend zu sein – im Museum soll er ja an Wissen gewinnen – lässt sich brav bluffen. Statt sich seiner Rolle zu besinnen und auf den Kaiser ohne Kleider mutig draufzuzeigen. Wo bleibt da bitteschön der Museumsdirektor, der seinen Kunden mal beobachtet, mal mit ihnen spricht und von selbst erkennt, wie dämlich diese Texte sind? Oder gar selbst mal kritsch draufschaut? Und realisiert, wie wenig seine Kunden davon haben. Dass man´s dann womöglich auch gleich lassen kann. Ein Streichposten, den ausnahmsweise keiner stört.
Und haben Sie nicht auch ein Déja-vu-Erlebnis? Erinnern Sie sich nicht an so manche Power-Point-Präsentation irgendwelcher Berater, bei denen das Wichtigste – das Herz vom Satz – immer und grundsätzlich fehlt: das Verb? Und wo der Rest in Anglizismen daherkommt? Ich wette, wenn manche Präsentation klartextiger ausgedrückt würde, bliebe nicht mehr viel Substanz übrig. So gesehen … sind die Kunstexperten einfach nur eins: preiswerter.
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,509157,00.html

Ein Kommentar zu „Unbehelligt im Museum.“

  1. Ihr jüngster Blogeintrag zum Thema Museen trifft genau ins Schwarze. So blendend sind die Besucherzahlen gar nicht, wenn man mal von den wenigen Publikumsmagneten absieht. Und gerade die deutsche Museenlandschaft hinkt in der Publikumsansprache hinterher, wenn man mal vergleicht, was zum Beispiel in Großbritannien passiert.

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