Verärgerte Mitarbeiter und noch mehr die verärgerten Ex-Mitarbeiter stellen für Unternehmen, Vorgesetzte und Kollegen eine Gefahr dar, die nicht zu unterschätzen ist. Wahre Zeitbomben unter Umständen. Und zwar dann, wenn jene am Ende sind, wenn sie nichts mehr zu erwarten haben von ihrer Firma – rausgedrängt, zur Kündigung oder zum Aufhebungsvertrag genötigt oder was auch immer. Da gibt es dann Mitarbeiter, die Chefs bei der Polizei anzeigen, Kollegen tätlich angreifen oder Schlimmeres.
So muss es auch in diesem Fall gewesen sein:„Unschuld erwiesen – Ermittlungen gegen Herzchirurgen gestoppt. Die Staatsanwaltschaft Münster hat die Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung gegen den Mediziner der Herzchirurgie am Universitätsklinikum der Stadt in allen 13 Fällen eingestellt“, schreibt die „Westdeutsche Zeitung“ (WZ) auf ihrer Homepage. Als Täter stellte sich der Lebenspartner einer Ex-Kollegin und Professorin heraus, der wohl aus Rache haltlose Beschuldigungen anonym gegen die 13 Mediziner in die Welt gesetzt hatte. Den langen, teuren, nervenzehrenden und schweren Kampf der Mediziner um die eigene Ehre, ihr Überleben im Job und um ihre Reputation kann man sich vorstellen. Doch was in der WZ unerwähnt blieb: Was in der Münsteraner Klinik hinter den Türen vorgefallen war. Was die Professorin und ihren Partner gleich mit zu solchen Verleumdungen trieb. Die WZ verrät es leider nicht. Doch der entstandene Schaden – verunsicherte Patienten hatten Operationen abgesagt -, den beziffert der kaufmännische Direktor mit bis zu drei Millionen Euro.
Und es kann sogar noch viel schlimmer kommen. Der Energiekonzern MVV in Mannheim erlebte gar ernst zu nehmende Morddrohungen von einem wütenden Mitarbeiter. Von amerikanischen Amokläufern in ihrer Ex-Firma, die ihnen gekündigt hatte, liest mal regelmäßig.
Das aber sollten sich vor allem jene möglichen, späteren Opfer doch bitte rechtzeitig vergegenwärtigen. Und zwar in dem Moment, in dem sie Mitarbeiter und Kollegen ungerecht behandeln, absichtlich überfordern, erniedrigen, benötigte Informationen vorenthalten, sie immer wieder aufs Neue beleidigen und ihnen ihre Würde nehmen – teils durch Unterlassungstaten und womöglich zuweilen sogar unbewusst.
Ich frage mich, wie – auf neudeutsch – Mobber ticken, wenn sie ihr eigenes Handeln und dessen mögliche Konsequenzen so wenig bedenken. Mir ist übrigens das genaue Bezeichnen von tyrannischen, stillosen, schlecht erzogenen, gleichgültigen, unsensiblen, rücksichtslosen, böswilligen, egoistischen oder grobschlächtigen Führungskräften und Kollegen lieber, weil genauer. Wie können diese davon ausgehen, dass jeder alles mit sich machen lässt, nur weil es gerade am Arbeitsplatz geschieht. Weil es in der bezahlten Arbeitszeit passiert? Glauben diese tatsächlich, dass Menschen ihre Gefühle, ihren Stolz, ihre Würde an der Betriebspforte abgeben? Dass ihnen das Niedergemacht-Werden von Menschen auf Augenhöhe, mit derselben Ausbildung womöglich, nicht nachgeht? Dass sie gebrochene Versprechen und Angelogen-Werden so einfach wegstecken? Dass jene Menschen nicht auf Rache sinnen, – wenn nicht sofort, dann eben später? Dass diejenigen, die sie dann aus dem Firmen-Sandkasten haben, deshalb aufhören zu existieren? Schön naiv. Sie sind nur nicht mehr in ihrem Gesichtsfeld, das ist alles.
Und ganz gekniffen sind diejenigen, die sich der Karriere zuliebe zum Bad Guy des Chefs machen lassen, die Rolle des Ausputzers annehmen. Jeden Mitarbeiter fertig machen, der nach einer Gehaltserhöhung fragt oder sonstigen Verbesserungen. Der freudig die Rolle des Entlassers antritt und sich für kein noch so gemeines Verhalten zu schade ist. Bis keiner von der ganzen Belegschaft bei der Weihnachtsfeier auch nur noch am selben Stehtisch mit ihm verweilen will. Dann ist irgendwann der Zeitpunkt erreicht, in dem der Good Guy, der große Chef ihn fallen lässt – und er selbst merkt, dass man ohne den geringsten Rückhalt in der Belegschaft auch nie mehr deren Chef werden kann.
Management-Guru Reinhard Sprenger hat schon vor Jahren prophezeit, dass die Generation der Entlasser nie mehr ein Unternehmen vereinen und voranbringen kann. Die Quittung bekommen die Unternehmen – wenn sich die Mitarbeiter abwenden, Dienst nach Vorschrift tun, Schäden passieren lassen und keine Lust haben, sie zu verhindern. Und ohne die Herzen der Mitarbeiter, deren Glauben an die Firma geht´s einfach nicht. Jedenfalls nicht, wenn man Erfolg haben will.
Nur die Souveränsten unter den Erniedrigten halten es mit dem Indianersprichwort: Setze Dich an die Biegung des Flusses und warte, bis die Leichen Deiner Feinde an Dir vorbeitreiben. Und wer diese Haltung hat, hat heute ohnehin gute Karten. Die Haltbarkeitsdauer von Vorgesetzten und Unternehmenslenkern im Job ist so niedrig wie noch nie, hat die Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton (heute: Booz & Company) auch dieses Jahr wieder nachgewiesen.
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