Arbeitnehmer sind nicht veränderungswillig – warum auch?

Deutsche Arbeitnehmer mögen sich nicht regelmäßig beruflich verändern, zeigt eine Emnid-Umfrage unter 1 200 Personen im Auftrag des Personaldienstleisters Job AG. Und zwar unabhängig davon, ob sie in den alten oder neuen Bundesländern leben – und auch unanbhängig vom Geschlecht der Befragten. Auf einer Punkteskala von eins (völlig uninteressant) bis zehn (sehr interessant) kamen die Befragten auf einen Durchschnittswert von 3,5, bedauert Job AG. Unterschiede zeigten sich – eigentlich keine Überraschung – am ehesten bei Geringverdienern: Je weniger jemand verdient, umso eher ist er veränderungsbereit, so die Untersuchung. Ansonsten seien grade mal die 14- bis 29-Jährigen noch am ehesten regelmäßig wechselbereit 4,6 Punkte). „Noch“, bedauert Stefan Polak, Vorstand der Job AG und empfiehlt – wer hätte es gedacht – „sich im eigenen Interesse flexibel den neuen Herausforderungen in den Unternehmen und auch im Markt anzupassen“.
So weit so nett der Rat des Personalexperten. Doch an den Realitäten geht er vorbei. Dass Arbeitnehmer mit über 29 Jahren auch gerne mal eine Familie haben und dann nicht mehr so räumlich flexibel sind, ist kein Geheimnis. Zudem: Jeder Umzug bringt höhere Mieten mit sich, kostet ohnehin viel Geld und sorgt zudem für neue Unsicherheiten. Gibt man doch den Kündigungsschutz, den man sich bei seinem bisherigen Arbeitgeber im Laufe der Jahre erworben hat, auf – ohne Gegenwert. Und: Wer kann vorher wissen, ob die neue Firma nicht tatsächlich kurz vor der Insolvenz, einer Übernahme oder sonst einer Unternehmens-Veränderung steht, nach der es getreu dem Arbeitsrecht heißt: Last in first out – und diejenigen dann zuerst auf der Straße stehen, die zuletzt angeheuert haben.
Wer vor wenigen Jahren bei Schering als vielversprechendem Arbeitgeber anheuerte, sah sich dann womöglich von einem auf den anderen Tag als Bayer-Mitarbeiter – dessen Job vielleicht plötzlich über Nacht als doppelt besetzt galt. Oder wer noch vor wenigen Jahren in Deutschland bei Arthur Andersen eingestiegen war, konnte plötzlich vor dem Scherbenhaufen stehen, den einzelne amerikanische Kollegen angerichtete hatten. Von Heuschrecken, die im Handstreich Firmen übernehmen und erst mal den großen Besen nehmen, mal ganz zu schweigen.
Oder andere Risiken mit neuem Arbeitgeber: Was ist, wenn man nur auf Kollegen stößt, die den Neuen ablehnen oder andre widrige Umstände? Warum sollten Arbeitnehmer dieses Risiko heutzutage eingehen, wenn die meisten froh sind, überhaupt einen Job zu haben?
Von der Finanzmarktkrise mal ganz zu schweigen. Denn wie viele Jobs die noch kostet, steht noch in den Sternen.
Das Dilemma ist klar. Unternehmen wollen und können da auch keine Garantien mit 5-Jahres-Verträgen und ähnlichem geben. Die Wechsler mögen das Risiko auch nicht alleine tragen – und so läuft es eben auf einen Stillstand hinaus, auch wenn die Firmen – und die Job AG – das bedauern.
www.job-ag.com

http://www.welt.de/welt_print/article2692014/Entwurzelung-ist-die-gefaehrlichste-Krankheit.html